Brauchen Maurer religiöse Kompetenz?

Schwer beeindruckt bin ich immer noch von den Vorträgen der letzten #openreli Sessions und den Kommentaren bzw. Publikationen anderer Teilnehmer. Ich bin neu im „Geschäft“ nach jahrelanger Abstinenz und versuche, Schritt zu halten…  Ganz spannend fand ich die Frage: Was ist religiöse Kompetenz? Was sollen und wollen die SuS lernen, was gibt ihnen der RU, das ihnen hilft, ihr Leben zu gestalten und zu bestehen?

Nun, dass Erzieherinnen an kirchlichen Kindergärten und Altenpflegerinnen ganz direkt mit religiösen Fragen konfrontiert werden, ist einleuchtend. Da kann ich auch verstehen, dass sie ein gewisses Interesse mitbringen, ja, sogar gezielte Frage- und Problemstellungen, an denen man dann mit der Klasse wunderbar arbeiten kann.

Aber was ist mit den Maurern und Fliesenlegern, den Landwirten und Holzbautechnikern, die mir in meinem Stundenplan begegnen? Die vorrangige Einstellung ist dort: RU im Berufskolleg ist Zeitverschwendung, wir wollen das nicht, wir brauchen das nicht, wir glauben das alles nicht. Im BRU Magazin /55/2011 gibt es eine Reihe von interessanten Vorschlägen für Handwerker: Kirchenbau für die Maurer, Schöpfungsverantwortung für Landwirte und Holzwirtschaft, multireligiöse Feste für Ernährungsfachleute. Meine Maurer wollen aber keine Kirchen bauen und werden sie voraussichtlich auch nicht. Es ist so schwer, Lernanforderungssituationen auszumachen. Dazu kommt, dass das meiste Material viel zu textlastig ist. Bei mehr als 5 -10 Zeilen Text geht ein Aufschrei durch die Klasse – und das Erschütternde ist, dass viele Schüler dabei wirklich überfordert werden. Die 3 Gymnasiasten in der Lerngruppe, die die Ausbildung nur als Sprungbrett für ein Studium benutzen, fühlen sich dann meistens unterfordert.

Also: was sollen meine Maurerklassen lernen, welche religiöse Kompetenz sollen sie erwerben? Mehr noch als die berufliche Situation ist der Religionsunterricht AN SICH eine Lernsituation und so gesehen eine Chance:

·         Die Gruppe ist sehr heterogen: ich lerne friedlich und ohne wüste Beschimpfungen auszusprechen mit Menschen anderer kultureller, nationaler, religiöser Herkunft zu kommunizieren

·         Ich lerne meine eigene Meinung kennen: warum tue ich, was ich selbstverständlich tue, woher habe ich meine Wertmaßstäbe, woher kommen meine Lebensziele, habe ich überhaupt welche?

·         Ich lerne, meine eigene Meinung  darzustellen und im Dialog zu begründen, auf die Argumente andere einzugehen, meine Meinung auch zu revidieren

·         Dabei lerne ich z.B. etwas über die Weltreligionen: was glauben die anderen, wie leben sie ihren Glauben, welche Konsequenzen hat er für den Alltag?

·         Falls von keinem Schüler der Input kommt, ist es die Aufgabe der RU-Lehrerin, den christlichen Input zu geben: ich lerne etwas (wirklich nur etwas und exemplarisch!) über die christliche Tradition, das zu dem Unterrichtsthema passt: eine biblische Geschichte, ein kurzer Text, eine bildliche Darstellung, eine Biographie, etc.

·         Unsere Gesellschaft und Kultur ist immer noch (trotz wachsender Säkularisierung) von religiösen und christlichen Motiven geprägt: Kunst, Musik, Film, etc. Viele dieser Motive werden gar nicht mehr als christlich erkannt und so gelingt der eine oder andere Überraschungseffekt: ich lerne, meine Kultur zu verstehen, ich kann mitreden, ich habe unter Umständen „mehr“ von einem Film (z.B. Adams Äpfel, Jesus liebt mich, Gran Torino), wenn ich die Andeutungen verstehe.

·         Ob ich das will oder nicht: als RU-Lehrerin und Pastorin bin ich für die SuS selbst ein lebendiges Beispiel für Religion. Ich bin für viele der einzige Bezugspunkt zu „Kirche“. Lasse ich mich darauf ein? „Glauben Sie das denn?“ – daraus ergeben sich oft interessante Unterrichtsgespräche, nicht planbar, nicht immer vorgesehen, aber ich lasse mich gerne darauf ein.

·         Zum Glück gibt es auch Themen, die Berufsbezug haben (s.BRU oben). Ganz engagiert sind die SuS auch beim Thema Gerechtigkeit, Wert der Arbeit, Hartz4 oder Arbeit. Auch hier macht BRU gute, auch für mich einsatzfähige Vorschläge (BRU 58/2013 Recht und billig!?) Ich arbeite dran…Überrascht sind die SuS wenn sie erfahren, dass Freimaurer (spannend wegen der Verschwörungstheorien, nicht wegen der religiösen Inhalte) tatsächlich etwas mit ihrem Beruf zu tun haben und dass Jesus auch Baumeister gelernt hat – aber das führt selten zu einem echten Interesse an Religion oder einem religiösen „Erlebnis“…

Gute Erfahrungen habe ich in allen Klassen mit Einheiten zum Thema „Werte und Gebote“ gemacht. Was ist dir wichtig – z.B. anhand einer „Wertewanderung“ – 25 Werte sollen auf einer imaginären Wanderung  auf 10 für die Gesamtklasse reduziert werden. Dabei ist sowohl die Entscheidung als auch der Prozess von Bedeutung – wie verläuft die Entscheidungsfindung, wie findet ihr einen Konsens – und das dann zu reflektieren im Hinblick auf das Zusammenleben und –arbeiten in einer multikulturellen Klasse und Gesellschaft. Auch die Arbeiten zu den Geboten der zweiten Tafel führen meist direkt in den Alltag der Schüler hinein: Verhältnis zu den Eltern, Liebe und Treue, Notlügen und Neid. In all diesen Gesprächen gilt aber: mein christlicher Input ist EINE Sichtweise, ein Angebot im Konzert der Wertvorstellungen – und manch einer entscheidet sich auch dezidiert dagegen. Damit kann ich aber leben. Mir ist der Prozess des sich Austauschens wichtiger.

Ist das zu wenig für evangelischen Religionsunterricht?

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5 Kommentare zu “Brauchen Maurer religiöse Kompetenz?

  1. Als interessierte Katholiken wünsche ich mir genau so einen Religionsunterricht in der Berufsschule auch für Katholiken!
    Als nicht Pädagogin kann ich kaum Beurteilen, ob es kompentenzorientiert genug ist, aber als Mensch kann ich meine Meinung dazu kundgeben.
    Sich zu fragen, was passt in die Lebenswelt der SuS und ihnen dann ein Angebot zu machen und zu zeigen, was man mit Religion „anfangen“ kann, kann doch nicht verkehrt sein. Wertevermittlung via Wertewanderung oder auch Werteversteigerung ist da sicherlich ein sehr interessantes Thema, welches sich zum einen auf die Lebenswelt der SuS beziehen lässt und zum anderen eben auch auf den religiösen Aspekt.
    Persönlich fehlte mir im damaligen RU immer der Bezug, entweder der Bezug zur Religion oder eben zum Leben. Das eine wie das andere macht erst einen Sinn, wenn es zusammengeführt wird. Dabei sind gerade die unvorhersehbaren Gespräche, die interessantesten und wichtigsten für die SuS.

    • Danke, Eva, das klingt sehr ermutigend! Ich hoffe, ich bin auf einem guten Weg…die Kompetenzenfrage ist neu für mich und treibt mich sehr um. Ich denke, die Erkenntnisse in openreli werden meinen Unterricht vorantreiben… LG

  2. Liebe Uta,
    ich habe Deinen Artikel jetzt wiederholt gelesen und entdecke immer neue Facetten. Deshalb will ich noch einmal antworten.
    Ich meine auch, dass Schule und Unterricht für Schülerinnen und Schüler da sein muss und nicht für Themen oder Inhalte, die Dritte vorgeben.
    Also heißt das tatsächlich: Wie viel Religion brauchen Maurer, Metzger, Gärtner für Ausbildung und Beruf?
    Und in welcher Form muss Religion ihnen begegnen oder von ihnen entdeckt werden?

    Aus der ganzen Kompetenzdebatte habe ich u.a. gelernt, dass Religion eine ganz spezifische Art und Weise ist, wie man die Welt und das Leben ansehen kann. Das führt mich nicht zu Inhalten, sondern zu zu prozessbezogenen Kompetenzen, also Religion wahrnehmen, darstellen, beurteilen, diskutieren, vielleicht auch gestalten usw.
    Das wiederum heißt, jetzt bin ich bei deinem Artikel, dass es nicht um eine (!) religiöse Kompetenz geht, sondern um (so hat es das Comenius Institut formuliert) mehrere Kompetenzen religiöser Bildung.
    Ein Beispiel:
    Der Maurer zieht eine Wand hoch. Nix besonderes, denkt der Gärtner, ist ja nur eine Wand, hoch, lang breit, Steine, Mörtel, das war es. Er versteht gar nicht, wie komplex eine Wand ist, er weiß nicht, wie lange man üben muss, bis sie so ist, wie sie sein soll, deshalb versteht er den Stolz nicht, den der Maurer hat, wenn sie ihm gelungen ist, spürt nicht die Erfüllung beim Betrachten, das Glück am Feierabend, wenn er die Keller und den Mischer putzt. (Stolz, Erfüllung, Glück)
    Aber der Gärtner weiß, dass die Mauer ihn schützt, dass sie seinen Garten strukturiert, ja ihn überhaupt erst als Garten kenntlich macht.
    Klostergarten Drübeck

    –> Dahinter steht ein Religionsbegriff, der um der Schülerinnen und Schüler willen, funktional angelegt ist und der als inhaltliche Korrespondenzebene immanente Bezüge sucht.
    –> Und: Es kommt auf die Perspektive an: Wenn der Gärtner mit dem Maurer spricht, versucht wahrzunehmen, zu beschreiben, zu beurteilen und dabei auf eine Ebene stößt. die hinter oder jenseits der Mauer liegt oder für die die Mauer nur symbolisch für ein „Mehr“ liegt, dann wäre das für eine Form immanenter Religion.
    –> Und die zieht der BRU an Beruflichkeit hoch oder an Ausbildungssituationen.

    Zu deiner abschließenden Frage:
    Ich finde nicht, dass das zu wenig ist für evangelischen BRU, es ist eher ziemlich anspruchsvoll und ist so ein Unterricht noch Religionsunterricht zu erkennen.
    Das frage ich mich.
    Herzliche Grüße,
    Andreas

    • Lieber Andreas, du gibst mir auch ganz schön zu denken… was du beschreibst und mit dem Bild illustrierst (Mauer), ist glaube ich auch das, wohin ich will mit meinem RU: dass es meine SuS „berührt“, dass es um etwas geht, das sie „unbedingt angeht“ (Tillich), so eine Art Wahrheit in und unter den Dingen dieser Welt, Gott als „Chiffre“ für das, was die Welt (und mich) im Innersten zusammenhält, Jesus als eine Gestalt, in der uns dieses Innerste begegnet. Ich habe mich nie näher mit Bonhoeffer beschäftigt und seinem „religionslosen Christentum“ – vielleicht würde ich da auch einiges Hilfreiche finden… Diese Gedanken sind den SuS nicht vermittelbar, denke ich, aber unsere Aufgabe als LehrerIn wäre es, das „herunterzubrechen“ (warum eigentlich herunter?) auf die Erfahrungen, die sie machen, um dort solche Spuren des Transzendenten Unbedingten zu entdecken (um mit Tillich zu sprechen: Methode der Korrelation?). Puh, ganz schön schwierig, aber sehr spannend, finde ich – und ich merke, ich bin da erst sehr am Anfang meiner Bemühungen. Spannend auch, weil ich selber sehr kritisch gegenüber vielen Traditionen der Kirche (incl. biblischer Texte) werde, ja älter ich werde. Die Haltungen meiner SuS fordern mich aber dazu heraus, das auch für mich selber neu zu formulieren und klarzukriegen – vielleicht mache ich mich da einfach mit ihnen auf den Weg… nja, nicht einfach… 😉
      Danke für deinen interessanten Input, lieber Andreas,
      viele Grüße zurück,
      Uta

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